Mut, Weitsicht und nicht zuletzt Durchhaltevermögen: Diese Fähigkeiten zeichnen die klassische Unternehmerpersönlichkeit aus. Sie sind eine wichtige Basis für den bis heute überragenden Anteil mittelständischer Unternehmen am wirtschaftlichen Gesamterfolg in Deutschland. Gerhard Götzen ist mit seiner MAE ein typisches Beispiel dafür.
Der Gießerei-Ingenieur war 1931 als Betriebsleiter beim Stahlwerk Werner in Erkrath bei Düsseldorf angestellt. Neben dieser Tätigkeit unterstützte er in seiner Freizeit noch die unmittelbar benachbarte Firma "Maschinen- und Apparatebau G.m.b.H. Erkrath", kurz MAE genannt. Das Unternehmen beschäftigte sich vor allem mit mechanischen Bearbeitungen für das unmittelbar benachbarte Stahlwerk.
Seine Chance ergriffen
Die allgemein schlechte Lage im Zeitraum der Weltwirtschaftskrise brachte die erst 1926 gegründete MAE rasch in wirtschaftliche Schwierigkeiten. In dieser Situation sah Gerhard Götzen seine Chance: Zusammen mit einem weiteren Gesellschafter wendete er ein drohendes Konkursverfahren ab, schloss mit den Gläubigern einen Vergleich und gründete die Firma am 6. August 1931 unter gleichem Namen neu.
Die Startbedingungen waren sehr ungünstig: Der nach wie vor schwache Markt und die finanziellen Lasten aus dem Vergleichsverfahren machten eine positive Entwicklung unmöglich. Man arbeitete über Jahre hinweg mit Verlusten, auch nach Besserung der allgemeinen Wirtschaftslage in Deutschland. Die Zahl der Beschäftigten erreichte mit 15 ihren Tiefstand.
Regale, Schränke und Bremsen
Die Wende kam, als der zweite Gesellschafter die MAE verließ. In wenigen Jahren konnte man die Firmengröße auf 220 Mitarbeitende steigern. Die Tätigkeitsgebiete des Unternehmens wurden verändert und erweitert: Neben der mechanischen Bearbeitung begann man mit dem Aufbau eines eigenen Fertigungsprogramms. Die Herstellung von Industrieregalen und Stahlschränken aus Blech und Rohr wurde zu einem wichtigen Standbein. Ein breites Programm deckte alle Bereiche vom Büroschrank bis zum Materiallager ab. Die Produkte konnten in der sich belebenden Konjunktur der dreißiger Jahre sehr erfolgreich abgesetzt werden.
Ein weiterer Geschäftszweig beschäftigte sich mit völlig anderen Produkten. Die Herstellung von mechanischen Bremsantrieben für elektrische Straßenbahnen war recht erfolgreich und mit eigenen Patenten abgesichert. Nach eigenen Angaben war MAE auf diesem Gebiet der Marktführer in Deutschland. Ein breites Programm erfüllte die unterschiedlichen Anforderungen der Verkehrsbetriebe.
M wie Maschinen
MAE begann nach 1933 auch mit der Herstellung des zweiten im Firmennamen genannten Produkts: Es wurden Maschinen gebaut, sowohl als Auftragsproduktion für andere Unternehmen als auch auf eigene Rechnung. So stellte man Schleifmaschinen für Rasierklingen und Druckpressen her.
Entscheidender für den weiteren Erfolg von MAE war jedoch die 1937 begonnene Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Walter Pöting oHG aus Hagen in Westfalen. Walter Pöting hatte als Betriebsingenieur in verschiedenen Glashütten gearbeitet. Die Fertigung von Hohlglasartikeln war in Deutschland noch zum großen Teil Handarbeit. Gesetzliche Vorschriften zum Schutz der Arbeitsplätze verhinderten eine in Westeuropa und den USA längst realisierte Automatisierung. Der Fall dieser Vorschriften, vor allem aber die durch Walter Pöting entwickelten und auch für kleinere Glashütten bezahlbaren automatischen Herstellungsanlagen für Massenhohlglasartikel wie Getränke- oder Medizinflaschen schufen einen großen und nur durch Pöting besetzten Markt. MAE übernahm die Herstellung der Einzelteile und die Montage dieser Maschinen. In vielen Jahren erzielte man mehr als die Hälfte des Umsatzes mit den Pöting-Maschinen, die weltweit vertrieben und zu gewinnbringenden Preisen verkauft werden konnten.
Standortausbau
Dies war eine gute finanzielle Basis, um das MAE eigene Fertigungsprogramm zu erweitern. Die Firmengebäude am Steinhof wurden dem Bedarf entsprechend ausgebaut und vergrößert. Die Sozialeinrichtungen waren für die damalige Zeit bemerkenswert umfangreich: Ein eigener Betriebsarzt und eine großflächige Grünanlage mit Ruhebänken an der Grundstückgrenze zur Bahn hin waren ebenso vorhanden wie eine Betriebssport- und eine Gesangsgruppe.
Die Kriegsjahre von 1939 bis 1945 überstand das Unternehmen relativ unbeschadet. Man beschäftigte durchschnittlich etwa 170 Mitarbeitende. Neben dem weiterhin produzierten Standardprogramm wurden die Kapazitäten zur Bearbeitung von Flugzeugteilen genutzt.